Pressespiegel 10.07.2026
Kulturpolitik & politische Debatten
Kulturpolitische Konflikte prägen die aktuelle Debatte: Während Fragen der Kulturfinanzierung und Mittelausstattung umstritten sind, zeigen sich auch die Folgen rechtsextremer Politik für Kulturinstitutionen im In- und Ausland.
Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, fordert, ehrenamtliches Engagement durch politisch aufgeklärtes bürgerschaftliches Engagement zu ersetzen, da klassisches Ehrenamt allein den freiheitlichen Staat nicht stärke.
Die AfD plant für eine mögliche Alleinregierung in Sachsen-Anhalt Maßnahmen wie die Kündigung des MDR-Rundfunkstaatsvertrags, Änderungen an Schullehrplänen und den Austausch von Verwaltungspersonal, stößt dabei jedoch auf rechtliche und finanzielle Hürden.
Die Allianz gegen Rechtsextremismus kritisiert, dass im Bundeshaushaltsentwurf 2027 keine Mittel für das im Koalitionsvertrag zugesagte NSU-Dokumentationszentrum in Nürnberg vorgesehen sind, und fordert ein Umdenken im weiteren Haushaltsverfahren.
Der miserable Umgang der Münchner Politik mit der Kammerspiel-Intendantin Barbara Mundel passt in eine Zeit hohler Worte und Bekenntnisse. Wenn es ernst wird, sind Menschen und Institutionen nichts mehr wert in diesem Land.
Das Bistum Dresden-Meißen und die evangelische Landeskirche kritisieren Sachsens Pläne, die Landesämter für Denkmalpflege und Archäologie zusammenzulegen, da dies Fachwissen und das Vier-Augen-Prinzip beim Erhalt kirchlicher Denkmäler gefährde.
Seit Trumps Übernahme des Kennedy Center im Februar 2025 wurden erfahrene Mitarbeiter entlassen, Shows abgesagt und das Programm drastisch reduziert; das Center soll nach dem 4. Juli 2026 für zwei Jahre schließen.
Kulturverwaltung & Behörden
Führungswechsel in großen Kulturinstitutionen: Bei den Kammerspielen wird die Suche nach einer neuen Intendantin teuer, während beim WDR ein Nachfolger für die Programmdirektion nominiert wurde.
Die Nachfolgesuche für Kammerspiele-Intendantin Barbara Mundel, deren Vertrag ausläuft, kostet die Stadt München rund eine Million Euro und sorgt trotz monatelanger Bekanntheit der Entscheidung erneut für Diskussionen.
WDR-Intendantin Katrin Vernau schlägt Ingmar Cario als Nachfolger von Jörg Schönenborn für das Amt des Programmdirektors Information, Fiktion und Unterhaltung vor. Der Rundfunkrat entscheidet voraussichtlich am 16. September.
EU-, Bundes- & Landesförderung
Der Fonds Darstellende Künste, das Land Sachsen-Anhalt und das Medienboard Berlin-Brandenburg fördern Kulturprojekte in unterschiedlichen Bereichen — von Nachwuchsarbeit in den darstellenden Künsten über Museen bis zu seriellen Produktionen.
27 Programmpartner fordern die Fortsetzung des Bundesprogramms „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung" über 2027 hinaus, das seit 2013 über 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche in mehr als 53.000 Projekten erreicht hat.
Sachsen-Anhalt fördert das Berend Lehmann Museum für jüdische Geschichte in Halberstadt von 2027 bis 2031 mit über 800.000 Euro, was 60 Prozent der Betriebskosten entspricht. Das Museum begeht zudem sein 25-jähriges Bestehen.
Das Medienboard Berlin-Brandenburg fördert die Joyn-Comedyserie „Littis Fahrschule" von und mit Kida Khodr Ramadan mit 168.000 Euro – die größte Einzelsumme aus einem Gesamtpaket von rund 1,8 Millionen Euro für 23 serielle Formate.
Erinnerungskultur
Kämpfe um historische Anerkennung und Formen des Gedenkens prägen die aktuelle Erinnerungslandschaft: von der Aufarbeitung rechter Gewalt bis zu Feierlichkeiten an historischen Gedenkstätten.
Zehn Jahre nach dem OEZ-Anschlag in München kämpfen die Eltern des getöteten Can Leyla weiterhin um vollständige Aufklärung, offizielle Anerkennung als rechten Terror und ein würdigeres Gedenkmal für die neun Opfer.
Nach dem Wirbel um die kurzfristige Ausladung des jüdischen Publizisten Michel Friedman steht das Programm der Gedenkveranstaltung zum 150. Jubiläum der Bayreuther Festspiele fest: Friedman hält einen Vortrag, Semyon Bychkov dirigiert Werke von Wagner und Mahler.
Zehn Jahre nach dem rassistischen OEZ-Anschlag in München fühlen sich Hinterbliebene weiterhin unsicher; sie kritisieren politische Hetze und die anfängliche Verharmlosung der Tat als Amoklauf. Am 22. Juli findet eine Gedenkfeier mit Bundespräsident Steinmeier statt.
Herzogsägmühle zeigt eine Wanderausstellung über den Filmemacher Willy Zielke, der nach einem Konflikt mit Leni Riefenstahl 1937 zwangssterilisiert wurde und mehrere Jahre im NS-Zwangsfürsorgesystem verbrachte.
Kulturvermittlung
Digitale Inhalte und moderne Formate bestimmen zunehmend die kulturelle Arbeit mit jungen Zielgruppen. Podcasts verschwinden wieder von der Bildfläche, während Video-Formate an Bedeutung gewinnen – und Organisationen entwickeln neue Kompetenzen für die verändernde Kulturvermittlung.
Die Evangelische Jugend in Bayern führt 2027 das neue Fortbildungsformat „House of Competence" ein, das Hauptberufliche der Kinder- und Jugendarbeit mit Seminaren, Vernetzung und spirituellen Impulsen stärken soll.
Selfiesandra und Laserluca beenden ihren Podcast „Dick & Doof" nach rund sieben Jahren zum 5. August, da räumliche Distanz und mangelnder Spaß die Entscheidung herbeigeführt haben.
Bildende Kunst
Von Klassikern der Moderne bis zur zeitgenössischen Kunstpraxis: Diese Sektion versammelt aktuelle Ausstellungen, künstlerische Positionen und Kunstschaffende, deren Arbeiten Tradition und Gegenwart neu vermessen.
Der Regensburger Fotograf Herbert Baumgärtner dokumentierte den Widerstand gegen die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf in über 2.500 Aufnahmen; 488 davon erscheinen nun im Bildband „WAA NIE!" bei der Edition Bunte Hunde, mit einer Einführung von Heribert Prantl.
Im Landratsamt Traunstein zeigen die drei Preisträger des „Roter-Reiter-Preis" 2025 – Jan Démoulin, Paul Graßler und Philip Craubner – bis Mitte Oktober ihre Werke in einer Ausstellung auf drei Stockwerken.
Das Swiss Institute feiert sein 40-jähriges Bestehen mit der Gruppenausstellung „Regift" im LUMA Westbau Zürich, die Praktiken des Schenkens und Weiterschenkens als Alternative zur Wachstumsökonomie thematisiert und rund 50 Künstlerinnen und Künstler vereint.
Mitte Juli beginnen die Salzburger Festspiele. Doch in der Mozart-Stadt gibt es nicht nur Schauspiel und Musik zu entdecken, auch Museen und Galerien sind einen Besuch wert.
Robert Rauschenberg (1925–2008) gilt als Wegbereiter der Pop-Art und verband in dreidimensionalen Werken Alltagsgegenstände, Schrott und ausgestopfte Tiere mit Malerei, wodurch er künstlerische Grenzen aufhob.
Film & Fotografie
Blockbuster-Trailers von Denis Villeneuve, eine Live-Übertragung der Primetime Emmys und Verfilmungen von Klassikern: In dieser Woche dominieren große Produktionen und Adaptionen das Film- und Fotografie-Angebot.
Regisseur Florian Moch von der Augsburger Puppenkiste verfilmt den Bilderbuchklassiker „Der Regenbogenfisch“ fürs Kino – ein Setbesuch.
Disneys Realverfilmung von „Moana" (2016) kopiert das animierte Original nahezu eins zu eins, ohne inhaltliche oder visuelle Verbesserungen, und gilt dem Rezensenten als Paradebeispiel für das kommerzgetriebene Ausschlachten bewährter Animationsklassiker.
Groupe TF1 hat alle linearen Sender und On-Demand-Inhalte in Netflix integriert und zieht nach drei Wochen eine positive Bilanz: Die Streaming-Reichweite stieg um 16 Prozent, 18-Monats-Ziele wurden bereits erreicht. Der Deal gilt als mögliche Blaupause für ProSiebenSat.1.
MagentaTV überträgt die 78. Primetime Emmy Awards in der Nacht vom 14. auf den 15. September 2026 live und kostenlos über den Sender Moments TV, inklusive Expertenkommentar und einer Wiederholung am Folgeabend.
Literatur
Vier Neuerscheinungen verbinden Machtfragen von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, während der Georg-Büchner-Preis 2024 ein subtiles, humorvolles Erzählen würdigt.
Ihre schmalen, komischen historischen Romane galten die längste Zeit als Geheimtipp: Jetzt bekommt Christine Wunnicke den Georg-Büchner-Preis. Eine Entscheidung für ein wundersam unegomanisches Erzählen.
Vier Bücher beleuchten Macht und Ohnmacht: William Dalrymple schildert den Aufstieg der East India Company, Siri Hustvedt verarbeitet Paul Austers Tod, Nicholas Potter analysiert eine neue autoritäre Linke, Joachim Steinhöfel kritisiert staatliche Einschränkungen der Meinungsfreiheit.
Musik
Konzerttermine und Festivals stehen auf der Agenda, Musikdokumentationen beleuchten Klassiker, und Künstler geben Einblicke in ihre kreativen Prozesse. Ein Überblick über aktuelle Ereignisse und Entwicklungen aus der Musikwelt.
Kulturstaatsminister Weimer hat mit Musikern, Labels und Streamingdiensten eine „Zukunftsagenda Musikstreaming" vereinbart, die einen strukturierten Dialog über gerechtere Vergütung und Transparenz einleitet – konkrete Ergebnisse sollen bis Dezember 2026 folgen.
Das Internationale Gitarrenfestival Saitensprünge findet vom 4. bis 22. November 2026 in Bad Aibling statt und umfasst 13 Konzerte mit Künstlern aus Klassik, Gypsy-Jazz, Flamenco, Folk und Bluegrass; der Ticketvorverkauf läuft bereits.
Gordon Kampes Oper „Die Verwandlung" nach Franz Kafka feiert im September 2026 in Winterthur Uraufführung und kommt im Oktober ans Staatstheater Augsburg; das Libretto stammt von Philipp Löhle.
Zum 100. Geburtstag von Hans Werner Henze (1926–2012) präsentieren die Augsburger Philharmoniker am 17. Oktober 2026 in der brechtbühne im Gaswerk ein moderiertes Konzert mit drei seiner Instrumentalwerke.
Joana Mallwitz verlängert ihren Vertrag als Chefdirigentin des Konzerthausorchesters Berlin bis zum Ende der Saison 2032/2033 und bleibt damit fünf weitere Jahre über ihr bisheriges Vertragsende 2028/29 hinaus am Gendarmenmarkt.
Die französischen Autorinnen Louisa Yousfi und Maboula Soumahoro sagen ihren geplanten Auftritt im Brüsseler Konzerthaus Bozar ab, um der BDS-Kampagne gegen ein Konzert des israelischen Dirigenten Lahav Shani mit den Münchner Philharmonikern zu folgen.
Die walisische Sängerin Bonnie Tyler, bekannt durch Welthits wie «Total Eclipse of the Heart» und «It's a Heartache», ist im Alter von 75 Jahren nach schwerer Krankheit in einem Krankenhaus in Portugal gestorben.
Eine Dokumentation erzählt, wie die beiden französischen Musikproduzenten Henri Belolo und Jacques Morali die Village People im New York der 1970er Jahre gründeten und mit dem Hit „Y.M.C.A." zu Weltstars machten.
Tanz
Vom Steppenwolf über Cinderella bis zu experimentellen Tanzformen: Diese Sektion versammelt Ballette und Tanzinszenierungen, die zeitgenössische Choreographie mit literarischen Klassikern und künstlerischen Gesamtkunstwerken verbinden.
Ricardo Fernando kreiert ein neues Ballett nach dem Cinderella-Stoff, das zu Prokofjews Musik eine moderne und zeitlose Geschichte über Humanität erzählt; Premiere ist am 31. Oktober 2026 in der brechtbühne im Gaswerk in Augsburg.
Das queere Kollektiv Riess Neustadt präsentierte beim Münchner Tanz-Sommer 2026 im Schwere Reiter das choreografische Konzert „This Tomorrow", ein organisches Gesamtkunstwerk aus Musik, Tanz und Licht, das Gemeinschaft und Zukunftsfähigkeit thematisiert.
Ballettdirektor Goyo Montero verabschiedet sich nach 17 Jahren vom Staatstheater Nürnberg mit einer Tanzfilm-Adaption von Hermann Hesses „Der Steppenwolf", die immersive Videotechnik und eine Neukomposition von Owen Belton verbindet.
Fünf Autorinnen berichten vom THINK BIG! Festival in München – einem internationalen Tanz-, Musiktheater- und Performance-Festival für junges Publikum, bei dem sie unter anderem die partizipative Performance „Posto" von Zinola Kühn Productions erleben.
Theater & Darstellende Kunst
Klassische Mythen in neuer Form, Barockdrama auf der Bühne, aktuelle Comedy und ein Intendanz-Porträt: Die Theaterszene zeigt sich vielfältig und ambitioniert zwischen Unterhaltung und künstlerischem Anspruch.
Azeret Koua inszeniert am Theaterhaus Jena den Kassandra-Mythos als feministisches Coming-of-Age-Stück, das trotz aufwendiger Ausstattung an fehlendem Spiel, stimmlicher Nuancenlosigkeit und mangelnder Stringenz scheitert.
Calderóns Schauspiel „Das Leben ein Traum" von 1636 wird am 17. Oktober 2026 im Staatstheater im martini-Park Augsburg aufgeführt und thematisiert Freiheit, Schicksal und Macht anhand des eingekerkerten Königssohns Sigismund.
Als Wilfried Schulz vor zehn Jahren die Intendanz des Düsseldorfer Schauspielhauses übernahm, setzte ihm die Stadt ohne Vorwarnung eine Großbaustelle vor die Nase. Ein Abschiedsgespräch darüber, wie aus Hartnäckigkeit und Improvisation richtig gute Kunst entstehen kann.
Torsten Sträters WDR-Comedy-Show lädt Gäste wie Karoline Herfurth, Helge Schneider und Kurt Krömer zu persönlichen Gesprächen und humorvollen Rubriken ein, darunter Sprachkritik, Kindheitserinnerungen und skurrile Zeichnungen von Tino Bomelino.
Sonstiges
Die Schola Cantorum Basiliensis an der Hochschule für Musik Basel FHNW sucht ab September 2027 eine Dozentin oder einen Dozenten für historischen Violone/Kontrabass mit einem Beschäftigungsgrad von 5–25 %.
Der Nachlass des im Januar verstorbenen Modedesigners Valentino Garavani – darunter Luxusimmobilien in Rom, Paris und London sowie Kunstwerke von Picasso und Warhol – soll schrittweise verkauft werden, um über eine Stiftung in Liechtenstein gemeinnützige Projekte zu finanzieren.
Der Dokumentarfilm „Filmstunde 23" von Edgar Reitz verbindet Aufnahmen eines einzigartigen Schulversuchs von 1968, bei dem Filmästhetik an einem Münchner Mädchen-Gymnasium unterrichtet wurde, mit einem Klassentreffen der damaligen Schülerinnen im Jahr 2023.